Ivermectin – (k)ein Hype mehr. Etwas Grundsätzliches.

Ich kann mein Ivermectin nicht finden …

Das veröffentliche Abstract einer „populären“ (d.h. vielzitierten) Arbeit zu Ivermectin und den Sterberaten bei Covid-19 ist auf Wunsch der Verfasser vom „International Journal of Infectious Diseases“ (einer Elsevier-Publikation) zurückgezogen worden. Ohne den üblichen ausführlichen Disclaimer der Herausgaber – statt dessen mit einem der Autoren selbst.

 Dieser Vorgang wirft ein bezeichnendes Licht auf die Rezeption wissenschaftlicher Publikationen und das Problem „früher“ Veröffentlichungen, was nicht nur die Praxis von Preprint-Servern betrifft.

Die Maßstäbe haben sich unter Covid sichtlich verschoben. Preprints und nicht oder nur oberflächlich peer-reviewte Arbeiten sind (durchaus aus Gründen) mehr oder weniger alltäglich geworden, die allgemeine (unkritische, aus der Sicht der eigenen Vorurteile gespeiste) Rezeption aber auch. Beides kommt zusammen.
 
Die Autoren begründen ihren Retract mit eben dieser interessengeleiteten Rezeption und ihrer Auswirkungen auf das allgemeine, nicht wissenschaftsaffine Publikum. Nicht damit, dass ihre Veröffentlichung „falsch“ gewesen sei. Im engeren Sinne wohl nicht. Man kann ihnen aber auch nicht den Vorwurf ersparen, allzu früh Schlüsse gezogen und diese nicht ausreichend relativiert zu haben. Immerhin räumen sie in ihrer Erklärung zum Retract selbst ein, damals eine sehr dünne Datenlage gehabt zu haben.
 
So ist es doch trivial, wenn die Autoren nun darauf hinweisen, sie hätten „nur eine Korrelation“, aber doch „keine Kausalität“ beschrieben. Trivial in dem Sinne, als dass keine rein empirische Untersuchung eine wirkliche Kausalität belegen kann, sondern immer nur eine Korrelation im Sinne eines Wahrscheinlichkeitsgrades für eine Kausalität. Wenn sie nicht eine hohe Kausaliätswahrscheinlichkeit angenommen hätten, dann hätten sie sich die Arbeit schenken können. Ohne Zweifel waren sie von der scheinbar festgestellten „70 Percent reduced mortality under Ivermectin“ selbst allzusehr beeindruckt. Menschlich, aber … die Kausalitätswahrscheinlichkeit erhöht sich letztlich erst dann relevant, wenn Ergebnisse unabhängig reproduziert werden konnten. Und ist es ja nicht so, dass die Autoren für ihren Abstract nicht von Anfang an heftigen Widerspruch aus der wissenschaftlichen Community erfahren hätten.
 
Ivermectin-Studien sind inzwischen in zweistelliger Zahl retracted worden. Und das umfangreiche Preprinting wird ja auch inzwischen bereits stark reduziert. Das war eine Sache in der Pandemie, die neue Daten schnell verfügbar machte – auch für Menschen, die damit ihre alarmistische Propaganda unterfütterten. Eine Crux, zweifellos.
 

All das sollte uns lehren, auf beiden Seiten der Medaille – der Publikation wie der Rezeption von Wissenschaft – Vorsicht walten zu lassen. Wissenschaft ist prinzipiell keine Schießbude und das Wissenschaftsverständnis in der Allgemeinheit immer noch so defizitär, dass Interessierte mit Cherrypicking in der Studienlandschaft eine Menge Unheil anrichten können. Q.e.d. Was wir Aufklärer da tun können, das wollen wir auch weiterhin versuchen. Aber in irgendeiner Weise eine wissenschaftliche Grundbildung in der Bevölkerung zu erreichen, daran kommen wir politisch und gesellschaftlich mittel- bis langfristig nicht vorbei.


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