China, Indien – und nach uns Aufklärung und Wissenschaft!

Gelegentlich, doch viel zu selten habe ich darauf hingewiesen, dass die unsägliche TCM mit ihrem Aushängeschild Akupunktur von der chinesischen Regierung schon lange als Exportartikel promoted wird, um sich in den westlichen Gesundheitssystemen zu etablieren. Der größte Erfolg in dieser Hinsicht dürfte sein, dass TCM-Diagnosekriterien Aufnahme in einem eigenen Hauptabschnitt in der bald in Kraft tretenden Neufassung des ICD (International Classification of Diseases) der WHO gefunden haben. Das ICD-Manual ist weltweit in Gebrauch und in manchen Ländern maßgeblich dafür, was das Gesundheitssystem anerkennt. Mahlzeit.

Schon 2014 hatte sich die WHO zu „traditioneller Medizin“ einschließlich TCM und Homöopathie in einem Strategiepaper für die Jahre 2014 – 2023 sehr wohlwollend geäußert. Dazu ist es interessant zu erfahren, dass das National Institute of Complementary Medicine in Australien dieses WHO-Paper in den Himmel gehoben und massiv promoted hatte. Seine eigenen Aktivitäten bewarb es allen Ernstes als „direkt von der WHO in Auftrag gegeben“. In Beijing dürfte darauf das eine oder andere Gläschen Moutai geleert worden sein …

Was steckte dahinter?  Es stellte sich heraus, dass ein Mitarbeiter des NICM, der kanadische Naturheilkundler Michael Smith, einer der Verantwortlichen für die Ausarbeitung dieses WHO-Berichts war. Man muss sich das also mal vorstellen. Die WHO ist also so unkritisch in Sachen „traditionelle Medizin“ gewesen, dass sie es zuließ,  einem Heilpraktiker (ich verwende diesen Begriff hier einmal) Mitverantwortung bei der  Veröffentlichung eines äußerst wichtigen WHO-Strategiedokuments zu übertragen … . Was die Präsenz von TCM in Australien etwas bremsen, aber nicht aufhalten konnte. Von dem Rückenwind durch das ICD-11 ganz zu schweigen. Wer übrigens so etwas wie Evidenzbelege in diesem 76-Seiten-Paper unter der Flagge der WHO sucht, der sucht vergebens.

Schlimm genug (nach meiner Einschätzung eine Folge der chinafreundlichen Haltung der langjährigen WHO-Präsidentin Margaret Chan, eine Geschichte für sich).


Nun treten die Inder auf den Plan und beglücken afrikanische Staaten mit ihrem AYUSH-Unsinn. Ich setze mal voraus, dass bekannt ist, was AYUSH darstellt? Ein seit 2014 existierendes Parallel-Gesundheitsministerium für die „traditionellen Medizinen“ Indiens, wozu bemerkenswerterweise auch die Homöopathie gerechnet wird (das „H“ am Ende). Dieser Laden und das „echte“ Gesundheitsministerium stehen sich einigermaßen unversöhnlich gegenüber, kein Wunder. Nur: der Hintergrund der Installation von AYUSH war die ausgesprochen nationalistisch angelegte indische Politik seit dem Regierungswechsel 2014, die den Laden nach wie vor trägt – und in jeder Hinsicht bevorzugt. Zu Lasten der Chance, wenigstens eine basale Gesundheitsinfrastruktur auf wissenschaftlicher Basis aufzubauen.

Unvergessen, wie AYUSH seine Mittel – auch und gerade die Homöopathie – in der Pandemie breit promotete und auch die Falschmeldung verbreitete, Prinz Charles habe seine COVID-Infektion mittels Ayurveda, Homöopathie und der Verhaltensempfehlungen von AYUSH überwunden …

Aktuell ist zu vernehmen, dass AYUSH in Afrika Kampagnen gestartet hat, um Ayurveda dort auf breiter Front zu promoten. Was mich persönlich an die unsäglichen „Homöopathen ohne Grenzen“ erinnert, die seinerzeit dort aufliefen, um Ebola mit Globuli zu behandeln … und vom offenbar aufgeklärten Westafrika gleich wieder nach Hause verfrachtet wurden. Bemerkenswert ist zudem, dass in Indien selbst AYUSH zwar durchaus eine starke Stellung (Rückenwind von ganz oben) hat, aber vom „echten“ Gesundheitsministerium und der Indian Medical Association mit allen Mitteln immer wieder in die Schranken gewiesen wird – soweit möglich.

Leider ist Westafrika offenbar kein aktuelles Modell im Umgang mit international tätigen Promotern von Pseudomedizin.  Wie „Medical Dialogues“ berichtet, macht ausgerechnet AYUSH in Afrika „Fortschritte“.

Sarbananda Sonowal, der AYUSH-Minister der indischen Union, macht gewaltige Ankündigungen. Glaubt man ihm, werden seine Heilslehren bald „global eine große Rolle in den Gesundheitssystemen spielen“ und das gleich „zum Wohle der ganzen Menschheit“. Dies alles mit massivem Rückenwind von Regierungschef Narenda Modi. Man kooperiere bereits mit „über 50 Staaten“. Und der Hinweis auf die angeblichen Erfolge von AYUSH in der Pandemie darf natürlich auch nicht fehlen. Ich vermute mal, die bestanden in einer beklagenswerten Zahl unnötig Verstorbener und Erkrankter.

Und die allfällige Anekdote gibts natürlich auch. Die Tochter des früheren Premierminsters von Kenia habe ihr Augenlicht nach einer Behandlung in einer ayurvedischen Klinik in Kerala wiedererlangt. Natürlich beeilte sich der Vater mit Danksagungen in Richtung Indien und wird vermutlich bei denen sein, die die Bemühungen von AYUSH unterstützen, die Gesundheitsversorgung in Afrika noch schlechter zu machen als sie eh schon ist.

Nein danke. Wir sehen, was der Antrieb für unwissenschaftlichen Unsinn sein kann: in diesem Falle nationale Verblendung kombiniert mit wirtschaftlichen Interessen. Nicht so fernliegend, wir wissen auch hierzulande sehr gut, wie völkisches Gedankengut und „alternative Medizin“ sich ergänzen können. Und wohlgemerkt: ich beklage hier nicht mit überheblichem Ton irgendwelche „Rückständigkeit in fernen Ländern“. Ich beklage, dass von Indien und China, machtvollen und einflussreichen Ländern,  mit tatkräftiger Mithilfe der WHO weltweit sinnlose Pseudomedizin angedient wird.

OB sich die Chinesen den TCM-Markt in Afrika wohl streitig machen lassen werden? AYUSH kann immerhin keine Adelung durch das ICD-11 vorweisen … Und die Chinesen sind ja durch ihr massives landgrabbing in Afrika dort längst präsent, längst ist die Rede von einer „neuen Kolonialmacht“.

Neokolonialismus in unerwarteter Form. Mich wundert auf dieser Welt gar nichts mehr. Es sei aber auch nicht verschwiegen, dass so etwas nur möglich ist, weil der Westen viel, viel zu wenig getan hat, um in den bedürftigen afrikanischen Staaten grundlegende Strukturen von Gesundheitssystemen zu fördern. Ein Symptom dafür ist auch die Durchimpfungsrate auf dem afrikanischen Kontinent von ganzen 18 Prozent (davon 5 Prozent unvollständig geimpft, Stand 22. Februar 2016) … Dazu muss man wissen, dass das ohnehin schleppende COVAX-Projekt der WHO, mit der die Impfung in die Entwicklungsländer gebracht werden soll, ohnehin nur das bescheidene Ziel einer Impfung von 20 Prozent der jeweiligen Bevölkerung hat.

Eine Welt, geprägt von Aufklärung und Humanismus? So sicher nicht …

Da kommt auch auf uns hier noch einiges zu an unsinnigem und gefährlichem Pseudokram mit viel Rückenwind. China und vielleicht auch Indien werden sich den lukrativen Pseudomedizin-Markt hierzulande nicht entgehen lassen – die TCM ist ja längst irgendwie präsent und die Akupunktur sozusagen dabei, die „zweite Homöopathie“ zu werden – allgemein positiv konnotiert, aber evidenzfrei. Dass gerade die deutschsprachigen Länder für solche Sachen höchst empfänglich sind, wissen wir zur Genüge.


Danke fürs Lesen bis zum Schluss. Es sei aber auch auf die im Text enthaltenen Links hingewiesen. Es sind ziemlich viele, teils lang, manchmal auf Englisch, aber sehr erhellend. Das Thema ist insgesamt noch viel größer, als ich es hier anreißen kann.

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